So beginne was wohl auch enden wird ...

Erster Akt
„Wolkenkuckucksheim“

Scene 1

Zwei junge Menschen treffen aufeinander: Ein hornbebrillter Junge wir nennen ihn „J.“ der soeben das Berliner Café „St. Oberholz“ energielos verlassen hatte und ein weiblicher Hipster aus dem Café „Mitte“. Die beiden – gleichen Alters – unterschiedlicher nicht sein könnten, ruft zufällig das gleiche Bänkchen am Lustgarten zur internen Klausur. Beide auf der Parkbank sitzend

CHOR DER ENTREPRENEURE

Mir ist so flau obwohl ich schlau!
Du holder Saft der Erde,
will Saatgut sähen und ernten!

Was macht den Strauch doch tragend?
Ist‘s wahrlich nur der Fleiß und Zeit?
Was brauch‘ es denn noch mehr?

Tura: Bist wohl nicht schlau genug für’s Oberholz oder fehlt es an der Knete?

J. (rückt seine Brille zurecht): Und was, bitte schön, vermisst ein Gör wie Du?

Tura: Ok, ok wir bleiben fair: Ich, ich bin der Zweifel leid!

J.: Welch‘ Zweifel quält? Wo steckt der Keil?

Tura: Nun ja, für mich ist Luftschloß-Turnen langsam öd. Die Wahrheit ist für mich kaum packbar: Pläne schmieden im Kaffee, Maloche rauf und runter um pekunär zu überleben – doch wird das, was Leben ist, nicht mehr und auch nicht bunter!
Soll heißen: Knete, Zaster und Moneten langsam einzig mein Begehr!

J.: Das kenn‘ ich das ist auch mein eig’ner Schmerz! Für mich ist langsam Schluss!
Der Illusionen bin ich mehr als leid und doch will ich „Das Große“!

Tura: Genau an diesem Punkt da steh‘ ich auch, noch besser: Liege gar dernieder!
Es muss etwas geschehen, sonst ‚gibt das alles keinen Sinn!

(beide verstummen und sinieren in die wolkenlose Nacht hinein)

Scene 2

(eine gut gekleidete Frau mit zwei Hunden setzt sich auf die angrenzende Parkbank und zündet sich eine Zigarette unter Verwendung einer Zigarettenspitze an.)

Bay B.: Ach die Verliebtheit ist ein toller Wahn, so mancher ihn nie traf!

Tura (völlig entnervt und ohne jegliche Lust auf Austausch, platzt mit forscher Stimme heraus): Weit gefehlt! Wir beide sind geschäftlich Partner. Der große Pitch für morgen der steht an! Muss morgen nur noch alles klappen, dann geht die Sache seinen Lauf!

J. (blickt verdutzt auf Tura)

Bay B.: Ein Pitch von englisch „werfen“, „neigen“ ? (ein fragender Blick) So helft mir hier es zu verstehen.

Tura: Der Pitch für unser „großes Ding“! Die Basis des Erfolges nennt sich „Pitch Deck“ – eine klare und deutliche Erfolgsansage an die Investoren.

Bay B.: Ihr gehört also der seltenen Gattung „Hoffnungsträger“ – ein „Unicorn“ der Zukunft soll es werden! (mit einem verschmitzten Blick) Hm, ich denke wir sollten uns austauschen.

J. (schaltet sich jetzt auch in’s Gespräch ein): Nun, für einen Einstieg dürfte es hier schon zu spät sein. Der Termin ist zwar erst abendlich angesetzt, doch eine Entscheidungsfindung auf Ihrer Seite im Laufe des morgigen Tages, selbst unter Voraussetzung eines morgendlichen Pitches, scheint wohl reichlich unrealistisch!

Bay B.: Junger Mann ich schätze Ihre Skepsis und doch ist die Lage eine andere! Im Rahmen des morgigen, hochkarätigen Treffens im eigenen Kreise wäre es mir durchaus möglich einen, wie nennen Sie es, „Pitch“ zu arrangieren – ich bleibe lieber bei dem mir geläufigeren Begriff „Vorsprechen“ – der scheint mir passender. Nun also, bei positivem Verlauf eines solchen Gespräches, steht einem kurzfristigen Engagement dem Grunde nach nichts im Wege. Würde Ihnen denn 10 Uhr passen?
Sagen wir eine fünfzehn minütige Präsentation? Mit anschließender Möglichkeit zum Austausch?

Tura.: Welche Lokalität würde Ihnen denn zusagen und welcher Teilnehmerkreis wäre denn zu erwarten?

Bay B.: Oh, bitte entschuldigen Sie die Nebelhaftigkeit unserer Begegnung! Mein Name ist Bayadija Alina Eleonor Lucia Begley. Zur Zeit fern meiner kalifornischen Heimat und Gast im Adlon Kempinski. Im Rahmen des morgendlichen „Get-Togethers“ würde ich für morgen 10 Uhr die Bibliothek für eine Zusammenkunft mit Ihnen vorbereiten lassen und zu gegebenem Anlass im kleinen, persönlichen Kreise für Teilnahme werben. Ich gehe von großem Interesse bei einzelnen, handverlesenen Herren und auch Damen aus (grinst kurz aber merklich – mit Genugtuung erfüllt – in sich hinein und nimmt nachfolgend eine fast schon entschuldigende Haltung ein). An dieser Stelle muss ich an Ihr Entgegenkommen appellieren. Die genaue Teilnehmernennung ist passender erst morgen, im Zuge einer kurzen Vorstellungsrunde. Aber seien Sie versichert, Sie werden nicht enttäuscht sein.

Tura. (sich zu J. wendend):

Ich denke für 10 Uhr besteht die Möglichkeit kurzfristig die Präsentation in Ihrem Kreise einzubringen. Auch ein kurzes, nachfolgendes Abstimmungsgespräch sollte zeitlich noch drin sein. Es wird nur sehr schwer möglich sein die abendliche Investorenpartei bei positivem Verlauf mit einer „Wartefrist“ zu belegen.

Bay B.: Hierzu machen Sie sich mal keine allzustarken Kopfschmerzen meine Liebe! Einen positiven Verlauf können Sie bereits morgen vormittag erwarten, vorausgesetzt das Engagement entspricht den hohen Erwartungen die ich habe. Den abendlichen Termin können Sie dann getrost absagen. (lächelt mit siegesbewußter Miene)

Tura.: Na dann, sehen wir uns morgen 10 Uhr in der Bibliothek des Adlon Kempinski. Ich hoffe „business casual“ kommt Ihnen als Dresscode entgegen?

Bay B.: Durchaus! Nehmen Sie sich den Freiraum den Sie benötigen um Ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen zu können. Ach ja wen darf ich für morgen anmelden?

Tura.:  Tura Emilie Berger. (wendet sich mit aufforderndem Blick zu J.)

J.(realisiert erst jetzt sein Versäumnis): Äh, Johann David Wyss.

Bay B. (erhebt sich von der Parkbank reicht den beiden die Hand und zieht sich mit Ihren beiden Hunden zurück in Richtung Hotel)

J.: Boah! Und jetzt? Keine Idee, keine Präsentation, keinen Peil von irgendwas! Das ist ein Desaster! Verrückt! Verrückt!

Tura.: Mach mal locker! Wir ziehen das durch und erstellen über Nacht ein „Pitch Deck“ – vom feinsten versteht sich!
(beginnt hellauf zu lachen – J. läßt sich anstecken – beide halten sich den Bauch vor Lachen)

J.: Gut, gut, das heißt wir brauchen eine geeignete Location für die Nachtaktion sowie genügend Proviant um durchzuhalten.
(mit provokativer Stimme) Zu mir oder zu Dir?

Tura.: Hey, hey jetzt mal langsam (aufgeschrenkt von dem Gedankenblitz mit einem „Fremden“ zu reden; Tura denkt kurz nach)

J. (ergreift die Initiative): Ok, ganz einfach: Ich mache mich jetzt auf direktem Wege zu mir in’s FIZZ in der Köpenicker Str. – Du machst einen Abstecher über eine Tanke und kümmerst Dich um den Proviant. Den Vorsprung nutze ich für die Vorbereitung des Arbeitsmaterials – Laptop, Schreibzeug und so weiter – und beziehe Stellung. Ach ja Hausnummer 43, Eingang ist offen, wir treffen uns in der Lounge – dort bin ich dann schon!  Arbeitsbereit versteht sich!

Tura.: Alles klar – (mehr zu sich als noch an J. gerichtet) RedBull, Cola und Essbares was ich kriegen kann …

(beide gehen ab)

Scene 3

(Tura und J. treffen sich in der Lounge des Studentenwohnheims. J. hat bereits den Laptop und Schreibmaterial zurecht gelegt. Selbst ein Flipchart mit Papier und Stiften konnte er zu dieser unwirtlichen Zeit noch im Hause auftreiben)

Tura.: Nur noch mal für’s Protokoll: Ich bin Tura, Du Johann richtig?

J.: Ja, aber alle nennen mich einfach „Tschey“

Tura.: Ich habe keinen Kosenamen. Simply „Tura“

J.: Ok, was ist da gerade passiert? Haben wir tatsächlich ein Investorengespräch in – äh – weniger als 12 Stunden?

Tura.: Ja so könnte man das zusammenfassen. (grinst)

J.: Und wir haben weder Geschäftsidee, noch Plan, noch haben wir jemals zusammengearbeitet, richtig?

Tura.: Richtig! (grinst zurück)

J.: Ok, was müssen wir voneinander wissen? Ich bin ein klassischer Nerd. Lebe also in meiner eigenen Welt – quasi in der digitalen Wolke!

Tura.: Hey, das tue ich auch und bin kein Nerd! Im Gegenteil ich bin eine stilbewußte, moderne Persönlichkeit die sich für nichts und von niemandem verbiegen lässt!

J.: Was kannst Du?

Tura.: Gute Frage! Die nächste bitte … Nein, Scherz bei Seite. Ich studiere Marketingkommunikation im Master Studiengang an der Designakademie Berlin. War bereits in zwei Auslandspraktika in Malaysia und Sidney, während meiner Bachelor-Zeit. Die absoluten Highlights in meinem Portfolio sind Ideation & Future Communications. Du?

J.: Ich studiere internationale Medieninformatik an der htw. Meine aktuelle Projektarbeit dreht sich um Visual Computing. Mein persönliches Ziel ist es eines Tages mein Hobby – digitales Filmen und Fotografieren mit den heutigen technischen Möglichkeiten, der vernetzten Welt, zu verbinden.

Tura.: Gut dass Du es erwähnst! Meine Leidenschaft gilt den sozialen Netzen und den damit verbunden Möglichkeiten „virales Marketing“ zu betreiben.

J.: Ok, der Show-Off Teil ist damit durch (grinst, macht eine Atempause und genießt Tura’s Aufmerksamkeit)

Tura.(ergreift selbstsicher wieder das Wort): Na dann, lass uns loslegen. Wir brauchen eine Geschäftsidee! Und die muss zünden wie eine Bombe
(verfällt in eine nachdenkliche Position und läßt den Blick schweifen)

J.: Hm, … die Muse hat mich noch nicht geküsst bisher … Keinen Plan wie wir die Kurve kriegen sollen …

Tura.: Was würdest Du anpacken wenn Du unendlich Geld zur Verfügung hättest? Wenn Du nicht scheitern könntest?

J.: Hm, ich würde das machen was ich schon immer machen wollte: Gesellschaftskritische Filme drehen und mich am Allerwertesten lecken lassen (grinst wie ein Sieger)

Tura.: Mann ey – so wird das nix. Wir brauchen eine „Triple-M“ also eine totsichere Money-Making-Machine sonst erleben wir morgen eine fatale Schlappe …

J.: Wieso schließt sich Spaß und Erfolg immer gegenseitig aus?

Tura.: Tut es doch gar nicht – aber mit kritischen Filmen ist halt eher nix zu holen, oder?

J.: Eine verrückte Geschichte! Die Chancen so etwas zu erleben stehen bei eins zu einer Million!

Tura.: Ich hab’s: Unser Projekt ist tatsächlich eine Filmdokumentation, eine der besonderen Art! Wir drehen einen Film über genau diese Story – abgefahrener geht’s eh wohl kaum!

J.: Du meinst: Unser Treffen, den Pitch und die Umsetzung bis zur Erfolgsstory, das ist unsere Story und ein „Knaller“-Invest?

Tura.: Ganz genau! Wir machen ein Filmscript im Stile einer klassischen Posse, geben der Sache einen schrägen Titel – einen schrägen Verlauf haben wir schon – und stellen das Gesamtprojekt in Form eines Businessplans zusammen. Fertig! Alles andere bringt das Projekt mit sich – vorausgesetzt wir kriegen den Zuschlag! Halt! Natürlich brauchen wir einen genialen Vermarktungsplan der auch ordentlich Moneten, also den nötigen Investioshebel erkennen lässt …

J.: Hm, könnte funktionieren …

nach einer kurzen Denkerpause, beginnen die beiden wie wild zu arbeiten. Internet-Recherchen, Foliensätze in feinster Pitch-Deck-Manier, Geschäftsmodellierung, Return-on-Invest Kalkulationen, Best-Case und Worst-Case Szenarien, alles was eben heute so nötig ist um Erfolg zu haben

Stunden vergehen; Licht wird gedimmt; eine Uhr zeigt symbolisch und im Zeitraffer wie die Zeit bis zum Morgengrauen verstreicht

J.: Also ich habe sämtliche Zahlen aufgestellt, es kommt eine beachtliche Invest-Summe zusammen die wir benötigen. Wenn wir dem gegenüber den Faktor 10 bei den Einnahmen aufzeigen, so sollte der Invest attraktiv genug sein! Die Nummer muss nur auch exekutiert werden … (blickt skeptisch zu Tura)

Tura.: Da mache ich mir keine Sorgen. Ich habe ein ausgeklügeltes „Virales Marketing-Konzept“ aufgestellt. Demnach können wir, moderat geschätzt und vorausgesetzt es wird in die wichtigsten 5 Weltsprachen übersetzt – wie Du ja einkalkuliert hast (grins) – ca. 10 Mio. Menschen erreichen. Die daraus resultierenden direkten Einnahmen und das parallele Merchandising bringen locker das zehnfache gegenüber den Kosten ein. Da sind noch nicht einmal die Nebeneinkünfte aus sonstigen Einkünften berücksichtigt: Speaker-Fees sowie sonstige Medien- & Presse-Einnahmen

J.: (mit Blick auf die Uhr) Ok, wir müssen langsam los und Vor-Ort die Präsentation vorbereiten. Beamer-Tests und so weiter …

Tura.: Halt! „Hygienisierung“ und „In-Schale-werfen“ ist vorab angesagt. Jeder zieht sich jetzt zurück und schmückt die Braut!  Wir treffen uns pünktlich um 9:30 Uhr im Adlon Kempinsky – Lobby Bereich …

J.: Stop! Erst ziehen wir von allem noch zwei Kopien auf Stick – Du einen ich einen! Für den Fall der Fälle!

beide beginnen mit dem Rückbau aller Utensilien und verlassen nachfolgend die Lounge

Alle dargebotenen Schaustellungen sind zufällig, ungewollt und haben nichts mit dem wahren Leben zutun

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